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22.12.2016 - Stadtnachricht

Beeindruckender Vortrag

Klare Worte fand Professor Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats, in der letzten Stadtratssitzung in diesem Jahr. Der Theologe hielt auf Einladung von Oberbürgermeister Thomas Jung einen Vortrag über die aktuelle Lage in Deutschland, die durch das Attentat in Berlin eine zusätzliche Brisanz erhielt. Dabrock sprach unter anderem über Werte, die es zu erhalten gilt, und über die Bedeutung des Weihnachtsfests in diesen schwierigen Zeiten.

Professor Peter Dabrock lehrt an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und ist seit April 2016 Vorsitzender des Deutschen Ethikrats. Das Sachverständigengremium gibt Empfehlungen für das das politische oder gesetzgeberische Handeln. Oft auch im Auftrag der Bundesregierung.
Foto: Deutscher Ethikrat, R. Zensen

Die von den Stadträtinnen, Stadträten und zahlreichen Besuchern der Sitzung anhaltend beklatschte Rede:

 

Peter Dabrock:
Ansprache vor dem Stadtrat der Stadt Fürth am 21. Dezember 2016

 

"Sehr verehrter Herr Oberbürgermeister, sehr geehrter Herr Bürgermeister, sehr geehrter Herr Abgeordneter, sehr geehrte Mitglieder des Stadtrates, meine Damen und Herren,


es gibt Tage, da hat man ein vorbereitetes Redemanuskript und lässt es liegen. Lässt es liegen, weil einem die ursprünglich angedachten Worte im Halse stecken bleiben. Meine Gedanken sind noch immer gelähmt, geschockt, fassungslos beim Berliner Geschehen. Was wir alle seit Jahren befürchtet haben, ist nun Realität geworden: der Terror ist nun auch in besonders spürbarer, hässlichster Größenordnung bei uns angekommen. Und es wäre falsch, zu tun und zu sagen, man sei nicht geschockt, nicht verunsichert. Manche beschwören: „Denen, die unser Leben, unser friedliches und freies Gemeinwesen zerstören wollen, dürfen wir nicht den Sieg überlassen!“ Ja, das klingt gut – und, wie man heute so sagt, „am Ende des Tages“ muss und soll das auch so sein. Aber damit das so wird, kann man jetzt nicht sofort einfach weitermachen. Ehrlichkeit verlangt, Trauer, Wut und auch Verzweiflung sich und anderen zuzugestehen. Nur wo diese Ehrlichkeit herrscht im Umgang mit Gefühlen, setzen sie sich nicht destruktiv fest, sondern können Motivation für Visionen, gute, Kraft gebende Visionen gegen Fanatismus, Hass, fehlende Achtung vor Anderen und gegen puren Eigennutz, sei er politisch, sei er religiös motiviert, sein.

Der Name Breitscheidplatz steht für das gesellige Kulturgut des Weihnachtsmarktes: für – wie die Bundeskanzlerin es nannte – die Feier des Lebens, für Freude mit Freunden, für Zuwendung. Und vermutlich jeder denkt: Es hätte auch hier sein können, in Fürth, in Nürnberg. Es ist daher nicht unmoralisch, diese Nähe des Terrors als besondere Bedrängung zu erfahren.

Natürlich merkt jeder, wie die Gefühle hin- und herfliegen. Empörung, Wut, bei allen und ja, auch Hass bei nicht wenigen, kommen hoch, wenn man an dieses sinnlose Verbrechen denkt – daran, wie der oder die Täter in so vielen Familien das Erlebnis Weihnachtsmarkt, die so schöne Zeitverdichtung „Weihnachten“ von einer auf die andere Sekunde mit Tod und schweren Traumata – vermutlich bei den Überlebenden: für den Rest ihres Lebens – verknüpft hat.

In mir kommt aber auch Empörung hoch, wenn ich – noch nicht mal war die Rettungsaktion beendet – höre, dass bestimmte öffentliche Figuren der Bundeskanzlerin eine persönliche Mitschuld an der feigen Mördertat und dem Tod dieser unschuldigen Menschen vorhalten. Wie verbohrt, wie moralisch tief gesunken, wie scham- und anstandslos muss man sein, wenn man dieses furchtbare Leid, das uns doch erst einmal betroffen, sprachlos, trauernd machen muss, postwendend, wirklich postwendend politisch so billig instrumentalisieren will? Kann man nicht erst einmal der Trauer Raum und Stille geben? Wenn nicht hier, wo wollen wir überhaupt noch erst einmal zusammenstehen? Ich hoffe, dass dieses schon menschlich so widerliche Fehlverhalten vielen Menschen die Augen öffnet, wie die Motivlage mancher politischer und medialer Einlassungen wirklich einzuordnen ist. Das Schlimme ist, dass, selbst wenn es schwerfällt, man der Empörung darüber doch noch ein Argument – jedenfalls für die Hin- und Hergerissenen – folgen lassen muss, warum solche Äußerungen verwerflich sind. Also nur kurz, um solchen Auslassungen nicht zu viel Ehre zukommen zu lassen, in der Form einer Frage: Glauben solche Agitatoren allen Ernstes, dass wir erst durch die Ankunft von Flüchtlingen Zielscheibe des Terrors geworden sind? Ich sag nur: Sauerlandgruppe 2007!

Und doch läuft etwas schief, trifft diese Tat auf eine schon zuvor nervöse, inzwischen hoch-nervöse Stimmungslage im Land. Diese Tat, nein: Un-Tat ist geplant und durchgeführt mit dem kalkulierten Effekt, noch mehr durcheinanderzubringen, noch mehr zu entsichern, noch mehr zu destabilisieren. Nicht nur von den erwartbaren Ideologen, auch aus gemäßigten Lagern kommen Scharfmachertöne. Die Rede vom Kriegszustand – inzwischen beachtlicherweise zurückgenommen – halte ich in der gegenwärtigen Lage nicht für hilfreich.

Was aber ist hilfreich, was kann stärken, was kann dazu beitragen, dass man die Deutungshoheit zum vorgestrigen Geschehen, aber auch über die gegenwärtige Stimmungslage nicht den Ideologen, den Scharfmachern überlässt? Wie stemmen wir uns gegen die gewollte Abwärtsspirale des Gemeinsinns, gegen den Spaltpilz, der die Zivilgesellschaft treffen soll?

 

Vier Anregungen:


1. Ob es den Scharfmachern passt oder nicht: Das erste und wichtigste ist Ehrlichkeit – Ehrlichkeit sich und anderen gegenüber: Ehrlichkeit über die Lage und Ehrlichkeit zu den realistischen Lösungsmöglichkeiten. Die Fantastischen Vier und Herbert Grönemeyer haben seinerzeit im Protestcamp, wohlgemerkt: im Protestcamp zum G8-Gipfel – ja, damals waren es noch acht! – in Heiligendamm den Demonstranten den Song zugerufen: „Es könnte alles so einfach sein, ist es aber nicht.“ Diese Haltung zu entwickeln, sich, aber auch anderen einzugestehen: das Leben zeichnet selten schwarz-weiß, sondern meistens grau in grau, das würde ich uns wünschen. Ich wünsche mir, dass alle aufrechten und anständigen Demokraten in diesem Lande sich nicht treiben lassen davon, einfache Lösungen als Lösungen der großen schwierigen Fragen zu zelebrieren und so von den eigentlichen Problemen abzulenken – das ist reine Symbolpolitik. Deshalb: weder in der Flüchtlingsfrage noch bei der Integrationsherausforderung noch bei der Gestaltung der globalen Wirtschaftsströme, auch nicht bei Welternährung und Klimawandel wird es einfache Lösungen geben, leider – und ehrlich: schon deswegen ist dies so, weil zu viele noch immer unter diesen krisenhaften Bedingungen mehr den Eigennutz denn das Gemeinwohl, oder weniger theoretisch formuliert: die Zukunft unserer Kinder im Blick behalten. Manchmal denke ich: Zu viele agieren wie jemand, der auf einem sinkenden Schiff noch einem anderen den Platz am Sonnendeck streitbar machen will. Diese Zeiten sollten vorbei sein – nicht weil es uns so schlecht geht, das tut es im Durchschnitt ja gar nicht, aber weil die Feinde offener wie solidarischer Demokratie zahlreicher werden.

Zur Ehrlichkeit gehört aber auch, sich einzugestehen, dass Sachen schiefgelaufen sind, dass man sie heute anders machen würde: Fehlerkultur nennt man das im Managerjargon. Dazu gehört auch, zu respektieren, dass andere und nicht nur man selbst sich ändern, also aus Schaden klug werden wollen und dann nicht des Opportunismus geziehen werden dürfen.

Ehrlichkeit heißt aber auch, dass man sagen darf, dass manche Sachen schwierig, und manche schwieriger als andere sind – ohne deshalb schon als Feinde des Gemeinwohls abgestempelt zu werden. Konkret: Man muss sagen dürfen, dass Hilfe in der Not noch nicht eine Bleiberecht per se bewirkt. Aber: Wenn wir die Situation der Notleidenden –  die allerwenigsten der Flüchtenden verlassen ihren Lebensraum freiwillig – langfristig nicht ändern, nicht ändern können, dann können wir diese Menschen – es sind Menschen! – nicht dauerhaft in den Lagern lassen. Das ist menschenunwürdig, hier entsteht gesellschaftlicher Sprengstoff – bei denen im Lager, bei denen, die solche Lager als Bedrohung fühlen. Deshalb braucht es Integration!

Dann gehört zur Ehrlichkeit weiterhin, sagen zu dürfen: Ja, Integration ist schwierig oder kann schwierig sein (aber auch bereichernd). Integration mit den einen ist schwieriger als mit anderen. Das liegt nicht per se daran, dass die einen schwieriger sind als die anderen, sondern das das Eigene sich mit bestimmtem Fremden leichter verwebt als mit anderem Fremden, dass bestimmtes Fremdes im Eigenen mehr Unsicherheit bewirkt als anderes – deshalb muss nicht jeder Integration mögen, aber es darf nicht nur so wenig wie in letzter Zeit darüber berichtet und davon erzählt werden, wie viele sich mit bewundernswertem Engagement, mit Herzblut und viel Zeit inzwischen nicht selten verunsichert, aber weiterhin für Integration stark machen, weil wir auf nicht absehbare Zeit keine realistische Alternative haben. Davon müssen wir zuerst wieder reden. Und: Von diesen Ehrenamtlichen machen dann viele die Erfahrung gründlicher deutscher Behördenwirklichkeit, ohne Sensibilität für den Einzelfall, zu dem eben auch dieses ehrenamtliche Engagement gehört. In nicht willkürlicher, aber Einzelfall-sensibler Einstellung behördlicherseits können wir besser werden.

Es ist umgekehrt auch ehrlich, sich und anderen einzugestehen, dass die, die Abstiegsängste haben, fragen, warum plötzlich Dinge gehen, Geld ausgegeben werden kann, was vorher unmöglich schien. Neid klingt böse und ist es oft auch. Unverständlich wird er damit noch lange nicht.

Der Neid der Einen, die kulturelle Verunsicherung der Anderen, die Desintegration der Dritten bilden eine gefährliche Gemengelage, die eine Sogwirkung sondergleichen freisetzen kann. Es ist der Nährboden für die Vereinfacherer. Der Ruf nach dem starken Mann – er lässt mich erschaudern, vor allem wenn ihm Vertrauen entgegengebracht wird, egal wie er lügt, egal, wie rüpelhaft er sich verhält. Es reicht wohl zu behaupten, anders zu sein, anders als die vermeintliche Elite aus etablierter Politik, Experten, Medien.

Ganz schnöde, noch gar nicht moralisch gefragt: Wie will man weiterhin erfolgreich im globalen Wettbewerb bestehen, wenn man mit einfachen Lösungen, abgekapselt und von anderen und korrekturresistent in Filterblasen und Echokammern eigener Wahrheitsgefühle, unterkomplex handeln will?

Wie soll das einer Nation, deren Gedeih so wesentlich von Mittelstand und Mittelschicht, sprich: vom Erfolg des Exportes abhängt, gelingen? Wo sollen die Steuern herkommen, die neue Infrastrukturen schaffen, die Bedingung für Erfolg sind, Bedingung für Zufriedenheit, Bedingung für Bildung und Zivilgesellschaft, Bedingung gegen Kriminalität, Bedingung für erfolgreiche Integration, wenn nicht von Mittelstand und Mittelschicht?


2. Und doch über Ehrlichkeit hinaus braucht es Glaubwürdigkeit. Wir müssen Tun und Rede näher zusammenbringen. Natürlich, auch das ist normal: Es gibt immer eine Diskrepanz, im Wahlkampf wird von allen Seiten vereinfacht und kalkuliert übers Ziel hinausgeschossen. Geschenkt! Aber die Diskrepanz darf sich nicht zur Unglaubwürdigkeit steigern, auch das zerstört das Vertrauen in die Politik. Sicher, die Politik lebt mit dem Dilemma, dass man von ihr einerseits eine durchgreifende Gestaltung der Gesellschaft erwartet, und zugleich entscheidende Akteure in dieser komplexen Weltgesellschaft – ich erinnere nur an die großen Konzerne der Digitalökonomie im Silicon Valley  – sich einem effektiven, schnellen politischen und rechtlichen Durchgriff entziehen können. Genau dafür wird dann die Politik aber verantwortlich gemacht.

Bei allen Grenzen, mit denen Politik heute zunehmend konfrontiert wird – sie ist nicht gestaltungslos, kann sehr wohl auch heute noch Glaubwürdigkeit generieren. Aus der Vielzahl der Möglichkeiten, auch hier vor Ort in Fürth – und Sie nehmen diese Gestaltungsmacht gleich in die Hand – nicht irgendein Beispiel, sondern der Punkt, von dem ich glaube, dass er das Nadelöhr für Glaubwürdigkeit der Politik und den gesellschaftlichen Zusammenhalt sein wird: Es sind die praktischen Antworten auf das Gefühl, abgehängt zu sein, abgehängt zu werden.

Darin sehe ich weit diesseits der notwendigen parteipolitischen Profilbildungen das Problem in Deutschland wie in der Welt insgesamt. Es ist übrigens nicht einfach –wie schnell diagnostiziert wird – die soziale Ungleichheit selbst, die den gesellschaftlichen Kitt bedroht. Man könnte ja antworten: Deutschland geht es so gut wie selten, auch die USA können ein besonders „gesundes“ Bruttosozialprodukt vorweisen, kaum anders in Österreich oder den Niederlanden – alles Länder, in denen der Populismus seine Blüten treibt. Aber, dass in all diesen Ländern die Diagnose „gute Konjunktur = zufriedene Bürger“ (Henrik Müller, spiegel-online 18.12.2016) nicht mehr greift, hängt mit diesem Gefühl zusammen, dass das alte Versprechen „Bildung = Aufstieg“ (Nida-Rümelin, FAZ 19.12.2016) nicht mehr zu taugen scheint, dass man bis in die obere Mittelschicht schneller als gedacht durchgereicht werden kann nach ganz unten, und dass manche, nein, viel zu Wenige, sich festgesetzt haben und alles bestimmen. Nur die eine bekannte wie erschreckende Zahl: die 62 Reichsten der Welt besitzen so viel wie die Hälfte der Weltbevölkerung. Nicht direkt, aber indirekt wirkt sich dann doch diese eklatante soziale Ungleichheit aus: Nicht dass die einen mehr haben als andere, ist der Skandal, sondern weil so wenig veränderbar scheint, weil so wenig soziale Mobilität möglich ist.

Verrückterweise will man sagen – aber es ist ein aus der Sozialpsychologie bekanntes Phänomen – wendet sich dieser Hass auf „das System, das Establishment“ gegen die, die man unmittelbar erreichen oder zu beeinflussen können meint, nicht gegen wirklich die, die zu viel zu bestimmen haben. Deshalb gibt es den Hass einerseits auf die Flüchtlinge oder auf andere, die Transferkosten erhalten („Die nehmen uns aus der großen Umverteilungsmaschinerie  zu viel raus“); oder eben auf die politischen Funktionsträger – nicht ahnend, nicht würdigend, welchen Zwängen diejenigen, die Politik versuchen, ausgesetzt sind, mit welch hohem zeitlichen, finanziellen, sozialen, familiären und auch gesundheitlichen Einsatz sich dies verbindet – kein Wunder, dass unter dem intensivierten Dauerfeuer von Kritik, Hetze und Hass nicht Wenige wie kürzlich in Bocholt frustriert und eingeschüchtert hinschmeißen ... Halten Sie, verehrte Stadträte, halten wir, liebe Bürgerinnen und Bürger, aus: Die Arbeit ist zu wichtig, halten wir gegen die Feinde des Gemeinwesens zusammen!

Aber tun wir auch hinreichend etwas gegen das Gefühl des Abgehängt-Seins, sind wir glaubwürdig genug, um diesem nicht unberechtigten Gefühl wirkungsvoll zu begegnen? Weil wir ein so reiches Land sind, noch immer, mehr denn je sind – sorgen wir nicht nur in Sonntagsreden dafür, dass die Infrastruktur stimmt, dass die Einrichtungen da sind, dass unsere Zukunft wirkungsvoll erlebt werden kann, dass Leben mehr ist als herumzulungern, dass es Ausdruck von Freiheit ist und dass es meistens zu Zufriedenheit führt, mit anderen Projekte durchzuführen, sich im Sportverein, bei den Pfadfindern, bei gemeinsamem Musikmachen oder in der Kirchengemeinde zu engagieren. Jedes Jugendheim, jede Sporthalle, jede Schule, jede Halfpipe ist ein direkter Baustein für die Zivilgesellschaft und ein indirekter für gute Integration von allen und für alle Seiten – denn alle müssen sich immer neu integrieren. Deshalb, diesseits aller parteipolitischer Verortung: wir brauchen Umverteilung, wir müssen Geld ausgeben und nicht nur denen, die haben, noch mehr Geschenke machen. Es geht noch dem Reichsten nicht gut, wenn um ihn herum alles verlottert.

Weil es ja das Gerücht gibt, dass gerade diejenigen, denen es gut geht, die hohe Steuersätze haben, immer klagen über zu viele Lasten, sage ich ausdrücklich: Ich zahle gerne Steuern, weil sie helfen, die Infrastruktur unseres Gemeinwesens zu bauen und in Stand zu halten. Meckern wir – egal ob eher links, ob eher rechts – nicht über Umverteilungen, die unser Gemeinwesen und damit jeden Einzelnen stärken. Ringen wir aber darum, dass diese Umverteilungen die Richtigen erreichen, sprich: die, die Gesellschaft tragen, und die, die besonders verletzlich sind. Da bin ich dabei.


3. Dankbarkeit: Gerade in diesen dunklen Tagen lassen sie uns innehalten und dessen gewahr werden, was wir haben, in welchem gesellschaftlichen Rahmen wir leben dürfen: Manchmal erscheint es uns so selbstverständlich, aber gerade dieses dunkel zu Ende gehende Jahr macht eben überdeutlich: Nichts ist einfach da, ist selbstverständlich, sondern muss als überliefertes immer neu erobert und gegen Gegner verteidigt werden. Zur Erinnerung: Demokratie, Menschenwürde, Menschenrechte, Rechtsstaat sind doch nicht vom Himmel gefallen. Als theoretische Konzepte gab es sie unterschiedlich lange. Gerade die zentrale Bedeutung von Menschenwürde hat sich bei vielen verinnerlicht, weil es die entsetzlichen Gräueltaten in diesem Land und von diesem Land ausgehend auf der ganzen Welt gegeben hat. Wir, von denen noch viele Eltern hatten, die uns vom Krieg berichtet haben – mein Vater erzählte mir, wie er von Tieffliegern beschossen wurde – haben die Pflicht, davon unseren Kindern und Enkelkindern zu erzählen und die Botschaft von Herzen weiterzutragen: kein Krieg; stattdessen Frieden und Demokratie auf der Grundlage der Achtung eines jeden Menschen als Träger unveräußerlicher Würde – das wollen wir, dafür lohnt es sich zu kämpfen. Sozialstaat, Inklusion, Solidarität, Nothilfe, zivilgesellschaftliches Engagement – all das ist nur möglich auf dieser Grundlage. Auf ihre haben wir eine kulturelle Vielfalt entwickelt, die man ebenfalls zunächst dankbar würdigen darf.

Diese Grundlage lässt sich aber nur verteidigen, wenn man sich der Quellen, aus denen man lebt, dankbar bewusst bleibt und sie nutzt, nicht nur für sich, sondern auch, um für andere da zu sein, um genau so, und nicht einfach im ständigen Meckergeist ein gutes Leben führen zu können.

Und diese Grundlagen sind wiederum mutig gegen Missbrauch zu verteidigen. Konkret: Meine Frau, die ja gerade als Maria verkleidet zum Weihnachtssingen in St. Michael einlud, zeigte mir gestern eine Karikatur, die sie auf facebook „geliked“ bekam: Die Überschrift lautete sinngemäß: „Die Geburtsszene im Stall von Bethlehem ohne Juden, Araber, Afrikaner und Flüchtlinge“ – und man sah die Krippe und darin Ochs, Esel und Schafe, aber kein Jesuskind, kein Joseph, keine Maria, keine Hirten, keine drei Weisen aus dem Morgenland, keinen Menschen.

Wer Weihnachtslieder singen will, ohne Juden, Araber, Afrikaner und Flüchtlinge einladend im Blick zu haben, kann alles Mögliche feiern, aber er feiert nicht Weihnachten!

Man singt über alles Mögliche, aber nicht über Weihnachten, wenn man „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit. Es kommt der Herr der Herrlichkeit“ schamlos johlt – aber nicht sieht, dass kein starker Mann gemeint ist, sondern dass der König aller Königreich als verletzliches Kind in unwirtlicher Umgebung zur Welt kommt, bald selbst nach der Geburt politisch verfolgt zum Flüchtling wird. Deshalb: „wohl dem Land, so diesen König bei sich hat“ = sprich, diesem verletzlichen Wesen bereit ist, Heimat zu bieten, denn noch immer wird der Mensch als Mensch und nicht als Flüchtling geboren. Wer das sieht, nein, verinnerlicht, der weiß, dass des königlichen Kindes, „Sanftmütigkeit ... Gefährt ... und sein Zepter Barmherzigkeit ist.“

Wo diese Weihnachtsbotschaft dankbar erinnert, verinnerlicht, erfahren und so weitergetragen wird – da braucht keine Furcht zu sein, da bricht der Himmel im Hier und Jetzt ein, und nicht dort, wo Weihnachtslieder als Pseudo-Identitätsmarker einer vermeintlich christlich-abendländischen Kultur verhohnepiepelt werden. Weihnachten, dass ist Willkommenskultur von Ewigkeit her und auf Ewigkeit hin denn –  erlauben Sie dem Theologen in mir diesen Hinweis – es waren ja nicht nur manche Menschen, die Gott willkommen hießen wie die Hirten. Es gab andere, die dies nicht taten: Die Bewohner Bethlehems zogen eine menschlich nicht unnachvollziehbare Obergrenze für Gäste der Volkszählung ein. Vielmehr wollte Gott in diesem Kind die Menschen als bei ihm willkommene adeln. Deshalb feiern wir Weihnachten: Fest der unendlichen Willkommenskultur Gottes.


4. und als Letztes: Entwickeln und leben wird Sehnsuchts- und Hoffnungsbilder und verteidigen sie aus Erinnerung für gerechte Institutionen, in Glaubwürdigkeit und ehrlich mit sich selbst und anderen. Bewahren wir uns, bei aller Unterschiedlichkeit darin, was für jeden Einzelnen oder einzelne Gemeinschaften das Leben gut macht, eine gemeinsame Grundlage guten Lebens: „weltoffen, solidarisch, sozial“ (Plakat am Rathaus) – so widerstehen wir nicht nur trotzig den Feinden unseres Gemeinwesens, so suchen wir nicht nur „der Stadt Bestes“, wie der Prophet Jeremias schon vor ca. 2500 Jahren es formulierte, so dürfen wir vielmehr zufrieden und glücklich für uns, vor allem aber in der Bereicherung durch und mit anderen leben. So können wir in das kommende Jahr gehen – mit dem englischen Schriftsteller und Philosophen Terry Eagleton gesprochen: nicht optimistisch, aber hoffnungsfroh.


Vielen Dank nicht nur für Ihre Aufmerksamkeit, vielen Dank dafür, dass Sie hier mit hohem zeitlichen und persönlichen Engagement sich für Fürth, für unser Gemeinwesen, das eben nirgendwo anders, als vor Ort erblüht, sich einsetzen. Vielen Dank dafür und die besten Wünsche für das wichtige, schwierige und verantwortungsvoll anzugehende Jahr 2017: Mut und trotzige Zuversicht: Es könnte alles so schwierig sein, muss es aber nicht.


Alles Gute, und der Christ sagt: Gottes Segen!"

 

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